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15.08.2003

 

 

Zeichensprache vorm Küchentresen

Haseldorf. „Spaghetti?“, fragt Thomas Hölck. Tatjana und Diana nicken und reichen ihre Teller über den Küchentresen. Die Verständigung zwischen dem Haseldorfer Gastgeber und den beiden Mädchen aus Russland klappt bestens - obwohl keiner die Sprache des anderen beherrscht. Vor einer halben Stunde sind Tatjana Zajats (13 Jahre alt) und Diana Bitkova (11) im rot geklinkerten Haus der Hölcks angekommen. Nach mehr als 24 Stunden Busfahrt servieren Thomas und Marina Hölck als Gasteltern den beiden Kindern aus Selenogradsk - nahe des früheren Königsberg - erstmal eine der internationalen Kinder-Lieblingsspeisen: Spaghetti mit Tomatensoße.

Darüber freuen sich auch die eigenen Töchter Marianna (12) und Julia (7), die sich ebenfalls die unhandlichen Teigwaren um ihre Gabeln wickeln. Diana und Tatjana sind zwei von 76 singenden und tanzenden Kindern und Jugendlichen aus dem mit dem Kreis Pinneberg verschwisterten Bezirk Selenogradsk. Als „Ensemble Pljassizi“ geben sie eine Vielzahl von Konzerten im Kreis, bevor sie am 25. August die lange Rückreise antreten. Organisiert hat die Reise der Elmshorner Verein Selenogradsk.

Die russischen Mitbringsel sind ausgepackt und gewürdigt worden: Matrioschki - die hölzernen Schachtelpuppen -, russische Schokolade, selbstgefertigte Armbänder und Wodka für den Gastvater. Diana sind die Strapazen der Überlandfahrt kaum anzumerken. Mit leuchtenden Augen sitzt sie am Küchentresen, ist voll bei der Sache. Was gefällt ihr am besten in Deutschland? „Vsjo“ - „Alles“, sagt sie. Manchmal habe sie zwar Heimweh, aber das gehe vorbei. Das mag auch daran liegen, dass sie - anders als ihre Reisegefährtin - schon zum zweiten Mal bei Familie Hölck wohnt. Sie weiß, was sie erwartet, kennt auch das Zimmer, in dem die beiden Gäste schlafen werden: Julia Hölck räumt ihr Kinderzimmer - und zwar gern. „Das stört mich nicht“, sagt die jüngere Tochter.

Genervt ist sie wie ihre große Schwester höchstens davon, dass sie Diana und Tatjana kaum zu Gesicht bekommt. Denn die Gäste haben ein straff organisiertes, volles Programm: Außer den Konzerten stehen zum Beispiel Besuche im Heidepark Soltau, im Freibad Wedel und in einem Wildgehege auf dem Programm. Das Geld für die Eintrittskarten ersingen die Kinder sich durch die Auftritte.

Morgens bringen die Gasteltern sie zu einem vereinbarten Treffpunkt, und erst spätabends nehmen sie ihre Besuchskinder wieder in Empfang. „Nach dem Konzert und Essen in Wedel am Sonnabend kann es fast Mitternacht werden“, sagt Marina Hölck. Nur einen Tag verbringen russische Mädchen und deutsche Gastfamilie gemeinsam. Hölcks planen Spiele und einen Ausflug mit Tatjana und Diana. Marina Hölck bewundert die Zähigkeit der jungen Gäste: „Man glaubt gar nicht, wie die Mäuse die Strapazen wegstecken. Sie scheinen nie müde zu werden.“

Seit zwei Jahren stellt das Ehepaar sich als Gastgeber für den Verein Selenogradsk zur Verfügung. Damals seien noch Gasteltern gesucht worden. „Und wenn man einmal damit angefangen hat, bleibt man ja dabei“, so die Gastmutter. Die Besucher seien sehr offen und fröhlich, „das ist ansteckend für die ganze Familie und macht immer wieder Spaß“, ist ihre Erfahrung. Ehemann Thomas nennt eine zweite, familienhistorische Motivation, die Völkerverständigung zu unterstützen: Die Familie seiner Mutter stammt aus Königsberg.

Die Spaghetti sind verputzt, jetzt kommt eine von Diana heißersehnte Leckerei auf den Tisch: Gummibärchen. „Das haben wir beim ersten Besuch durch Zufall herausbekommen“, erzählt Marina Hölck. Im Supermarkt hatte sie ihren kleinen Gast per Zeichensprache gefragt, was Diana gern naschen würde. Und die schaltete sofort und zeigte auf die bunten Süßigkeiten. Auf diese Weise wählten die Gastgeber im vergangenen Jahr auch das Gastgeschenk für Diana aus: Fenstermalfarbe.
 

Pinneberger Tageblatt
Von Eike Pawelko