05.09.2006
CDU-Antrag: Alte deutsche Ortsnamen im Osten wieder an die erste Stelle. Öffentliche Verwaltungen sollen Schriftverkehr ändern. Russische Musikschüler, derzeit zu Gast im Kreis, sind empört.
Schon oft sind die Musikschüler aus dem russischen Rayon Selenogradsk, dem ehemaligen Cranz, zu Gast im Partnerkreis Pinneberg gewesen. Diesmal trat die Kultur in den Hintergrund - eine Zeitungsmeldung sorgte für Empörung. Grund: Die CDU will, dass öffentliche Verwaltungen im Kreis die historischen deutschen Namen von polnischen und russischen Orten innerhalb Deutschlands wieder an erster Stelle nennen. In Klammern folgt der jeweilige polnische oder russische Name.
Die "Umbenennung" ihrer Stadt nahmen die Musikschüler zum Anlass, einen Brief an die Presse zu verfassen. "Selenogradsk ist unsere Heimat, Cranz gibt es nicht mehr, Geschichte ist Geschichte", heißt es. Und weiter: "Wir kennen viele ehemalige Cranzer oder Königsberger. Keiner wollte, dass Selenogradsk wieder Cranz heißen soll."
CDU-Kreisvorsitzender Ole Schröder versteht die Aufregung nicht. Das Auswärtige Amt habe 1992 die Regelung getroffen, in allen Schriftstücken die historischen, nicht nach 1933 eingeführten deutschen Ortsnamen zu verwenden und die polnischen dahinter in Klammern. Polen habe darin ausdrücklich kein Hindernis gesehen.
Nun steht der Punkt auf der Tagesordnung des CDU-Kreisparteitages am 11. September. Man habe viele Hinweise auf dieses Dokument bekommen, so Schröder, gerade in Anbetracht der vielen Partnerschaften im Kreis. Neben der Partnerschaft des Kreises mit Selenogradsk wird beispielsweise die der Stadt Tornesch mit Strzelce Krajenskie (Friedeberg) und Elmshorn mit Stargard Szczecinski (Stargard) in Polen benannt.
Für SPD-Fraktionschef Hannes Birke ist der CDU-Antrag ein "Kniefall vor dem rechten Rand in der Partei" und solle Menschen ansprechen, die die historische Wahrheit nicht akzeptieren wollen. Er hoffe, so Birke, dass der CDU-Landesparteitag so vernünftig sei, diesem Spuk ein Ende zu bereiten.
Lars Kascha vom Verein Selenogradsk, ausgewiesener Kenner der russischen Partner, findet den CDU-Vorstoß problematisch, auch wenn dies nicht beabsichtigt sei. Es gebe noch immer Ängste in der russischen Bevölkerung. Für die Arbeit des Vereins sei dies kontraproduktiv.
"Ich sehe keinen Handlungsbedarf", hielt sich Landrat Wolfgang Grimme (CDU) bedeckt. Ob Cranz oder Selenogradsk - im Gespräch mit den Leuten vor Ort sei das ohnehin egal, "unser offizieller Partner bleibt der Rayon Selenogradsk". Der Antrag der CDU richtet seiner Ansicht nach keinen Schaden an, "hilft aber auch keinem weiter".
Von Manfred Augener
Pinneberger Zeitung





