01.09.2006
Die Partnerschaft zwischen Selenogradsk und Pinneberg feiert ihr erstes großes Jubiläum.
Über 400 gemeinnützige deutsch-russische Projekte und Initiativen gibt es aktuell im Kaliningrader Gebiet. Zu den engagiertesten zählt zweifellos die Partnerschaft zwischen Selenogradsk (Cranz) und Pinneberg. Anfang August wurde die Freundschaft zehn Jahre alt.
Es gibt in Russland sicherlich nicht viele Städte, in denen, gemessen an der Einwohnerzahl, so viele junge Leute Deutsch sprechen wie in Selenogradsk, dem alten Ostseebad Cranz. Hier kommt es sogar öfter mal vor, dass Schüler die Fremdsprache besser beherrschen als ihre Lehrer. Kein Wunder, wenn sie gerade ein Schuljahr bei Gasteltern in Deutschland hinter sich haben.
Möglich macht dies der Partnerschaftsverein „Selenogradsk – Pinneberg“ e.V. Seit zehn Jahren mittlerweile. Und von Beginn an war der Schüleraustausch eines der wichtigsten Projekte des deutsch-russischen Vereins. Freundschaft stiften, Toleranz üben und voneinander lernen, durch Alltagserlebnis Verständnis fördern und Interesse für andere Kulturen wecken: Vereinsvorsitzende Gabriele Kascha könnte noch viele Gründe aufzählen, warum der Austausch von Gastschülern trotz des immensen organisatorischen Aufwandes so wichtig ist. „Man kann tolle Reden über Völkerverständigung halten. Man kann aber auch einfach Menschen zusammenbringen. Wir haben uns für Letzteres entschieden“, sagt die Pinnebergerin in einer schnörkellosen, zupackenden Art, der die Erfolgsstory Selenogradsk e.V. wohl zu einem Gutteil zu verdanken ist. „Gerade Jugendliche sollen die Idee der Partnerschaft erfahren und weitertragen. Sie werden die Zukunft in ihrem Land prägen.“
Fast 50 junge Leute aus Selenogradsk verbrachten seit 1996 jeweils ein Schuljahr im Kreis Pinneberg. Sie lebten bei Gasteltern und lernten so das Leben in Deutschland auf Alltags-Augenhöhe kennen. „Am Anfang war natürlich alles etwas schwierig“, erinnert sich die 17-jährige Anastasia, die bei einer Familie in Halstenbek wohnte und dort die zehnte Klasse besuchte. Die Sprache, das ungewohnte Leben. „Und im Unterricht wird viel mehr diskutiert als bei uns.“ Doch am Ende des Schuljahres fiel Anastasia der Abschied sehr schwer, hatte sie Freunde gefunden und neben der Sprachkenntnis auch viel Selbstständigkeit gelernt. Natürlich sei Selenogradsk ihre Heimat, sagt sie heute. Aber Pinneberg – nun auch ein bisschen. „Deutschland ist für mich ein Land, in dem ich gute Freunde habe.“
Freundschaft leben, darum geht es dem Verein. Freundschaft gänzlich ohne Heimattümelei. Für die russischen Jugendlichen ist das Austauschprogramm übrigens kostenlos. Die Kosten, etwa 1500 Euro pro Gastschüler und Jahr, übernimmt der Verein, finanziert es aus Spenden. Dass die in letzter Zeit immer spärlicher fließen, gehört auch zur Bilanz des ersten Partnerschafts-Jahrzehnts. Dennoch soll der Schüleraustausch ein zentrales Thema bleiben. Gerade sind wieder acht junge Gäste aus Selenogradsk eingetroffen in Pinneberg.
Längst hat im Verein weitere Projekte auf den Weg gebracht. In diesem Jahr bauten russische und deutsche Jugendliche gemeinsam einen Spielplatz in Lesnoje auf der Kurischen Nehrung. Es ist bereits die dritte Aktion dieser Art. Die Feuerwehren kooperieren beim Aufbau einer Jugendfeuerwehr in Selenogradsk. Es verwundert kaum, dass Projekte des Selenogradsk e.V. mehrfach ausgezeichnet wurden, unter anderem mit dem „STARK“-Preis 2002 des Landes Schleswig-Holstein und dem Förderpreis der Robert-Bosch-Stiftung.
Anfang August wurde das Jubiläum in Selenogradsk mit einem Fest gewürdigt. Im rappelvollen Saal des örtlichen Kulturhauses standen so viele Redner für Dankesworte Schlange, dass Musikschuldirektorin Tamara Sidorowa, Vorsitzende des russischen Vereinshälfte, ihren geplanten Zeitrahmen gleich mal vergessen konnte. Der Verein hat allein in Selenogradsk 160 Mitglieder. Und offenbar wollten alle Danke sagen.
An die Zeiten der Gründung erinnerte Valentina Lunau, die den Partnerschaftsverein Selenogradsk-Pinneberg 1996 mit aus der Taufe hob, ihn lange leitete und im Geist der Freundschaft prägte. Und junge Leute wie der 18-jährige Pawel Kaschaew berichteten von ihren Erlebnissen im Kreis Pinneberg. Acht mal war Pawel schon in der Partnerstadt, lernte dort ein Jahr als Austauschschüler, absolvierte Praktika beim Rettungsdienst in Hamburg, in einem Kindergarten, bei der Feuerwehr. Menschen wie Pawel füllen den Verein mit Leben – auch gegen offene Skepsis manches Kaliningrader Patrioten, ob soviel Internationalität gut für die russische Seele sei.
Doch die Welt ist offener geworden und längst wuchs aus dem Verein eine Kommunalpartnerschaft der Kreise Pinneberg und Selenogradsk. Unter den Gästen der Feier am 10. August saß daher auch eine offizielle Delegation mit Kreispräsident Burkhard Tiemann und Landrat Wolfgang Grimme. Tags zuvor hatten Grimme und sein Selenogradsker Amtskollege Walerij Gubarow den neuen Partnerschaftsvertrag unterzeichnet – und damit die Brücke zwischen beiden Kommunen für weitere 15 Jahre fortgeschrieben.
Zeichen dieser Kooperation sind in dem russischen Seebad täglich für jedermann sichtbar. Ein halbes Dutzend moderner Krankenwagen der städtischen Klinik, ein Müllauto, mehrere Feuerwehren – alles Geschenke aus Pinneberg. Aktuell hilft der norddeutsche Landkreis dem Rayon Selenogradsk mit einer Spende von 17 000 Euro bei der dringend nötigen Reparatur des Krankenhausdaches.
Eine Art Nothilfe werde es sicher auch in Zukunft geben, sagt Landrat Grimme. Darüber hinaus sieht er allerdings die Zeit gekommen, Partnerschaften auf eine neue Ebene zu heben. „Russland ist ja kein armes Land, die Wirtschaft erholt sich, und mit den Ölmilliarden bezahlt Moskau seine Auslandsschulden in Milliardenhöhe. Da kann es nicht sein, dass wir wie in der Vergangenheit mit dem Sack voller Geld rüberkommen und das hier verteilen. Zumal die Mittel bei uns im Haushalt auch nicht mehr vorhanden sind. Deutsch-russische Zusammenarbeit muss neue Wege finden. Dabei können solche kommunalen Partnerschaften eine Vorreiterrolle spielen.“
Der Kreis Pinneberg prüft derzeit Möglichkeiten, dem Rayon Selenogradsk bei der Erstellung eines modernen Abfallentsorgungskonzeptes zu helfen. „Das ist hier ein dringendes Problem“, sagt Grimme, „doch für ein solch komplexes Thema eine Lösung innerhalb eines Kreises zu suchen, ist Unsinn. So ein Konzept muss weiter greifen, auf Gebietsebene. Vielleicht können wir mit unseren Erfahrungen dabei helfen.“ Ein zweiter Schwerpunkt der Zusammenarbeit der nächsten Jahre soll die Tourismusförderung sein. Ob Ausbildungshilfe im Fremdenverkehrs-Management oder ganz simple Dinge wie ein System mehrsprachiger Wegweiser – da sei Vieles möglich. „Wichtig ist ein Erfahrungstransfer, und sicher können auch wir hier aus dem lernen, was sich hier entwickelt. Selenogradsk steht ja vor einem gewaltigen Aufschwung.“
Königsberger Express
Thoralf Plath





